Prof. Anke Kahl leitet den Lehrstuhl für Arbeitssicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal. Gemeinsam mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeitenden Magnus Nauth und Dr. Marina Bier hat sie im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) untersucht, wie Hitze und UV-Strahlung Beschäftigte gefährden und welche Gruppen besonderen Schutz brauchen. Im Interview sprechen die drei darüber, wo der betriebliche Arbeitsschutz noch Lücken lässt und welche Schritte Betriebe jetzt gehen können.
„Klimarisiken und ihre Folgewirkungen bringen bekannte und neue Gefährdungen mit sich, die im betrieblichen Arbeitsschutz berücksichtigt werden müssen.“
Der Klimawandel wirkt sich zunehmend auf die Arbeitswelt aus. Welche klimabedingten Belastungen erleben Beschäftigte bereits heute deutlich?
So ist es, der Klimawandel hat längst branchenübergreifend den betrieblichen Alltag erreicht. Klimabezogene Risiken beinträchtigen zunehmend die physische und psychische Gesundheit von Beschäftigten – es gibt wachsende Herausforderungen dabei durch saisonalen Hitzestress, Luftbelastungen, neue Krankheitserreger, erhöhte UV-Strahlung, und extreme Witterungseinflüsse. Beschäftigte fühlen sich zunehmend durch den Einfluss des Klimawandels auf den Arbeitsplatz und ihre Gesundheit belastet. Regional wird ein Anstieg saisonal hitzebedingter Arbeitsunfähigkeitstage beobachtet.
Neben direkten Auswirkungen erfordern auch indirekte Risiken durch veränderte Umwelt-, Arbeits- und Lebensbedingungen neue Handlungskonzepte: Hitzewellen, Dürreperioden und Wasserknappheit verlangen einen bewussteren Umgang mit Ressourcen, während Extremwetterereignisse wirtschaftliche Existenzen gefährden können. Und dies geht auch mit höheren psychosozialen Belastungen einher.
Klimarisiken und ihre Folgewirkungen bringen bekannte und neue Gefährdungen mit sich, die im Rahmen der vorhandenen Arbeitsschutzstrukturen berücksichtigt werden müssen.
Welche Beschäftigten sind denn von den genannten Belastungen besonders betroffen?
Ganz bewusst möchten wir die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), vor allem Feuerwehr, Polizei, THW und Hilfeleistungsorganisationen an erste Stelle stellen, denn sie sind den Belastungen durch den Klimawandel ausgesetzt – und dabei sind häufigere Einsätze in Hitzewellen nur ein Faktor: Einsatzkräfte müssen den Schutz der Bevölkerung und der kritischen Infrastruktur in außergewöhnlichen Lagen (Hochwasser etc.) sicherstellen. Sie sind dadurch nur sehr bedingt in der Lage, sich diesen Belastungen zu entziehen. Diesen Gefährdungen muss mit gezielter fachlicher Ausbildung und speziellen persönlichen Schutzausrüstungen begegnet werden.
Besonders betroffen durch saisonalen Hitzestress und erhöhte UV-Strahlung sind alle Beschäftigte, die sich einer Strahlungs- und/oder Hitzeexposition bei ihrer Arbeit nicht entziehen können. Dazu zählen Beschäftigte im Freien (zum Beispiel im Baugewerbe), aber auch Beschäftigte in nicht klimatisierten Fahrerkabinen. Auch extreme Witterungseinflüsse und neue biologische Gefährdungen wie Allergene und vektorübertragene Krankheitserreger betreffen vor allem diese Gruppe.
In unserem wissenschaftlichen Gutachten identifizieren wir besonders schutzbedürftige Beschäftigtengruppen: Beschäftigte, die im Freien arbeiten und körperlich schwere Tätigkeiten ausüben, ältere Beschäftigte und Beschäftigte mit Vorerkrankungen sowie Beschäftigte mit bestimmten Behinderungen oder anderen körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Zur Gruppe der schutzbedürftigen Beschäftigten gehören auch Frauen, Schwangere und Jugendliche.
Gutachten zu Anforderungen an den Arbeitsschutz für Risikogruppen durch Klimawandelfolgen
Das Gutachten des Teams um Prof. Anke Kahl an der Bergischen Universität Wuppertal zeigt, wie groß der Handlungsbedarf bei der Anpassung an Klimawandelfolgen ist und welche Anpassungen notwendig sind.
Wo sehen Sie derzeit die größten Lücken im betrieblichen Arbeitsschutz?
Vor allem fehlt für die Bewältigung des Klimawandels in Deutschland aktuell eine betriebliche Anpassungsstrategie mit entsprechenden Handlungsspielräumen. Hitzeschutzpläne wären zum Beispiel ein sehr hilfreiches Format. Diese gibt es derzeit nur vereinzelt.
Eine Anpassungsstrategie sollte zudem Systeme zur Frühwarnung aufgreifen, beispielsweise bei Extremwettern wie Starkregen, aber auch bei Hitze- und Dürreperioden. Auch die Notfallpläne und Kommunikationsketten, die dahinterstehen, müssen existieren und funktionsfähig sein. Gerade im Bereich Extremwetter sollten insbesondere Einsatzkräfte verstärkt zu potenziellen Gefährdungen geschult werden und die Angebote für die Einsatznachsorge erweitert werden.
Bei Einsätzen wie im Ahrtal gab es auch viele Tausend Spontanhelfende, das wird bei Schadenslagen in der Zukunft vermutlich ähnlich sein. Wenn durch den Klimawandel die Zahl der Extremwetterereignisse steigt, können Spontanhelfende eine große Entlastung für die Einsatzkräfte sein. Es ist wichtig, in Zusammenarbeit mit dem Bevölkerungsschutz Konzepte zu entwickeln, wie Spontanhelfende sicher unterstützen können.
Für eine gezielte Kommunikation ist es wichtig, eindeutige Begriffe zu finden und Unklarheiten aufzulösen, sonst werden Kontexte, wie zum Beispiel „saisonale Hitze“ und „Hitzearbeit“ verwechselt. Verständliche und präzise Begriffe macht die Orientierung leichter – auch bezogen auf die Anwendung der speziell notwendigen Schutzmaßnahmen und Regularien.
Damit Klimaanpassung in der Arbeitswelt wirksam wird, müssen Akteure auf unterschiedlichen Ebenen aktiv werden. Wie kann das gelingen?
Nehmen wir das Beispiel Produktsicherheit. Die Standardisierung von Informationen durch digitale Produktpässe, zum Beispiel für Gebäude oder Produkte der Kreislaufwirtschaft, könnten dabei helfen, schnell und übersichtlich Informationen über verwendete Materialien, Ressourcen und Schadstoffe bereitzustellen. Die produktspezifischen Angaben in solchen Pässen sind besonders wichtig für Klimaschutz und Klimaanpassung, etwa, um bei Alt- und Recyclingprodukten gefährliche Inhaltsstoffe zu erkennen, bei neuen Technologien wie Solarmodulen problematische Stoffe im Blick zu behalten und den Einsatz von recycelten Materialien besser zu steuern. Auf betrieblicher Ebene stehen nun in der Anwendung des Produktpasses auch die Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Sifa) im Fokus. Denn sie beraten gemäß des Arbeitssicherheitsgesetzes den Arbeitgeber auch bei der Einführung von Arbeitsstoffen und -verfahren und bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Dabei könnte ihnen ein solcher Produktpass auch Entscheidung über bestimmte Material- oder Produkteinführungen erleichtern.
Ganz generell müssen klimabedingte Risiken in der Arbeitsumgebung Eingang in die Gefährdungsbeurteilungen finden. Damit sich Sifas fachlich hierzu gut informiert fühlen, müssen die Ausbildungskonzepte erweitert bzw. Weiterbildungskonzepte entwickelt werden. Aber auch in anderen Bildungsbereichen ist die Einbeziehung klimabedingter Gefährdungen und entsprechender Schutzmaßnahmen erforderlich, vor allem in beruflichen Ausbildungskonzepten.
Nicht zu vergessen sind die staatlichen Akteure, beginnend mit dem Gesetzgeber bis hin zu den Aufsichtsbehörden. Die entsprechenden Entscheidungsträger, wie zum Beispiel Ausschüsse, können den Handlungsspielraum des Gesetzgebers ausloten. Dieser Handlungsspielraum reicht von der möglichen Ergänzung des Arbeitsschutzgesetzes über eine neue ausschussübergreifende Regel zum Thema „Auswirkungen des Klimawandels auf Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit“ bis hin zur fachlichen Einbindung ausgewählter Erkenntnisse in die bestehenden technischen Regeln.
Kennen Sie gute Beispiele aus der Praxis?
In verschiedensten Betrieben und Branchen werden schon klimaschutz- oder -anpassungsbedingte Arbeitsschutzmaßnahmen erfolgreich umgesetzt. Es wird von den betrieblichen Arbeitsschutzakteuren häufig hervorgehoben, dass die Partizipation der Beschäftigten der Schlüssel dafür war, dass diese Maßnahmen eine hohe Akzeptanz finden und wirksam umgesetzt werden.
Einige Beispiele kann man in Filmen sehen, die in der Politikwerkstatt „Klima wandelt Arbeit" gezeigt worden sind: Ein Abfallentsorgungsunternehmen in Berlin stellt z. B. kühlende Tücher und Getränke in Kühlboxen in Fahrzeugen bereit. In einem Berliner Klinikum wurden gemeinsam mit den Beschäftigten besonders heiße und kühle Räume identifiziert und die Arbeitsabläufe entsprechend angepasst; zusätzlich kamen Hitzeschutzfolien und -vorhänge zum Einsatz. Ein Straßenbauunternehmen entwickelte Gitter-Einsätze an Rohröffnungen, um Beschäftigte bei Starkregen vor plötzlichen Flutwellen zu schützen. Bei einem Energieversorger in Salzgitter bereiteten Auszubildende das Thema UV-Schutz auf und vermittelten es in betrieblichen Veranstaltungen – mit dem Effekt, dass diese jungen Beschäftigten als Multiplikatoren wirken und das Thema im Unternehmen stärken.
Viele Betriebe fragen sich, wo sie konkret ansetzen können. Was sind aus Ihrer Sicht wichtige erste Schritte, um klimabedingte Gefährdungen systematisch anzugehen – auch mit Blick auf begrenzte Ressourcen?
Für eine systematische Herangehensweise ist das gesetzlich verankerte Format der Gefährdungsbeurteilung gut geeignet, da es sich um ein etabliertes Werkzeug handelt. Im Abschlussbericht der Politikwerkstatt „Klima wandelt Arbeit“ werden dazu die Gefährdungsfaktoren betrachtet, die für den Arbeitsschutz relevant sind. Daran ist eine Orientierung gut möglich. Viele der Gefährdungen, die mit dem Klimawandel einhergehen, sind nicht grundsätzlich neu. Es handelt sich meist um bekannte Gefährdungen, die jedoch im Ausmaß, d.h. an Intensität oder/und hinsichtlich der Expositionszeit zunehmen. Für ausgewählte Themenbereiche stehen bereits Fachinformationen zur Verfügung – beispielsweise des Ausschusses für Arbeitsstätten (Arbeitsstättenregeln), des Ausschusses für Arbeitsmedizin (Arbeitsmedizinische Regeln) sowie der Unfallversicherungsträger.
Ganz konkret ist es mit Blick auf den Sommer sinnvoll, mit einem Hitzeschutzplan für den Betrieb anzufangen. Saisonale Hitze kann grundsätzlich fast jeden betreffen.
Handlungshilfe für betriebliche Hitzeschutzpläne
Hier finden Sie eine Handlungshilfe mit Anleitung zur Erstellung des Hitzeschutzplans sowie vielen bewährten Praxistipps und Schutzmaßnahmen mit hilfreichen Informationen für deren Umsetzung.