Die Menschen, die mit ihrer Arbeit tagtäglich unsere Gesellschaft am Laufen halten, verdienen eine Menge Respekt. Für die eigene Arbeit geschätzt zu werden, gehört zu guten Arbeitsbedingungen dazu – und ist wichtig, um im Job physisch und psychisch gesund zu bleiben. Wie Unternehmen Basisarbeitenden den angemessenen Respekt zeigen und diesen steigern können, untersuchte das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „ORBiT“.
Respekt für Basisarbeit – Das Projekt „ORBiT“

„ORBiT“ steht für „Organisationaler Respekt und Basisarbeit in Zeiten der Transformation“. Durchgeführt wurde es von einem Partner-Konsortium unter Leitung des Instituts für Betriebliche Gesundheitsführung (BGF-Institut).
Respekt für Basisarbeitende – was bedeutet das konkret?
Mit dem Projekt „ORBiT – Organisationaler Respekt und Basisarbeit in Zeiten der Transformation“ wollten das BGF-Institut und seine Konsortiums-Partner mehr darüber herausfinden, wie Respekt für Basisarbeitende spürbar wird und wie Respekterleben in Unternehmen gesteigert werden kann. In der Basisarbeit fehlen nicht nur Lob und Anerkennung auf persönlicher Ebene, sondern vor allem struktureller Respekt, also Arbeitsbedingungen, die signalisieren: Deine Arbeit ist uns wichtig. Vor diesem Hintergrund fragte ORBiT: Wie lässt sich das organisatorisch gestalten? Welche Haltung des Managements braucht es hierfür? Was bedeutet das für die Gestaltung der Arbeitsbedingungen und des Miteinanders in einem Unternehmen? Und was macht einen respektvollen Umgang unter Kolleg*innen, durch Vorgesetzte und Kund*innen aus?
Respekt zeigt sich nicht allein auf zwischenmenschlicher Ebene, sondern fußt darauf, wie Unternehmen und Führungskräfte mit Mitarbeitenden umgehen. Was dieser „organisationale Respekt“ bedeutet, beschreibt Dr. Birgit Schauerte vom BGF-Institut:

„Organisationaler Respekt beschreibt zunächst einen wertschätzenden Umgang miteinander im Unternehmen. Hierzu gehören unter anderem Anerkennung, Fairness, Offenheit, Vertrauen und soziale Unterstützung. Neben diesen weichen Indikatoren geht es auch um strukturellen Respekt, dass Unternehmen für gesunde und sichere Arbeitsbedingungen sorgen, indem geeignete Arbeitsmittel zur Verfügung stehen und die Arbeitsorganisation beteiligungsorientiert gestaltet wird. Darüber hinaus gehören Entwicklungsperspektiven und der gleichberechtigte Zugang zu BGF-Maßnahmen und ein gelebter Arbeitsschutz zu einem respektvollen Umgang. Insgesamt geht es darum, die Unternehmenskultur und die Haltung des Managements hin zu einem wertschätzenden, fairen und respektvollen Umgang zu fördern, die auch über die Gestaltung der Arbeitsbedingungen spürbar wird.“
Auf der systematischen Suche nach Faktoren für organisationalen Respekt
Das BGF-Institut wollte im Rahmen von ORBiT organisationalen Respekt konkret messbar machen und Wege aufzeigen, Respekt zu steigern. Aufbauend auf einer umfassenden wissenschaftlichen Recherche entstand ein Modell zum organisationalen Respekt mit den Handlungsfeldern Unternehmenskultur, Führung, Arbeitsbedingungen und Soziale Beziehungen. Das Projekt setzte von Anfang an auf einen engen Austausch mit den Basisarbeitenden in den Pilotunternehmen aus der Kurier-, Express- und Paketbranche (KEP-Branche), der Gebäudereinigung und der Zeitarbeit.
Wenn wir die Arbeitswirklichkeit von Basisarbeitenden wirklich verstehen wollen, müssen wir mit ihnen statt über sie sprechen. Und das haben wir gemacht.
Workshops mit Basisarbeitenden und Führungskräften
In Workshops mit 40 Basisarbeitenden und 22 Führungskräften untersuchten die Forschenden, wie sich die Arbeitswirklichkeit der Basisarbeitenden über die beschriebenen Handlungsfelder abbilden lässt und welche Kriterien oder Faktoren aus der Perspektive der Teilnehmenden auf organisationalen Respekt einzahlen. Dabei fanden sie heraus:
- Die Unternehmenskultur ist aus Sicht der Basisarbeitenden geprägt durch die Haltung des Managements. Spürbar wird sie über dessen Entscheidungen zum Beispiel zu fairem Gehalt, vertraglicher Sicherheit und Weiterbildungsangeboten. Respektvolles Führungsverhalten beinhaltet unter anderem soziale Unterstützung, Wertschätzung, Beteiligung und Informationen, die trotz Sprachbarrieren verständlich sind.
- Bei den Arbeitsbedingungen geht es vielen Teilnehmenden um eine gute Arbeitsorganisation und Hilfsmittelausstattung sowie um die erlebte Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit. Hierzu berichtet Dr. Birgit Schauerte: „Ich habe in dem Projekt Reinigungskräfte begleitet, die in der Flächenreinigung im Krankenhaus tätig sind. Ihnen war sehr bewusst, dass nur, weil sie täglich reinigen, Operationen stattfinden und Patient*innen genesen können.“
- Soziale Beziehungen sind für die Teilnehmenden durch ein respektvolles kollegiales Miteinander, gegenseitige Unterstützung und eine gute interkulturelle Zusammenarbeit geprägt. Dabei wurde auch deutlich, dass unterschiedliche kulturelle Prägungen, Erwartungen, Deutungen und Kommunikationsstile das Miteinander beeinflussen und zu Konflikten führen können.
Ergänzend zu den Workshops werteten die Expert*innen des Berufsforschungs- und Beratungsinstituts für interdisziplinäre Technikgestaltung (BIT) e. V. die bestehenden Gesetze und Verordnungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz speziell für Basisarbeit aus. Bereits bewährte Interventionen und Tools zur Gefährdungsbeurteilung und Betrieblicher Gesundheitsförderung flossen mit in die Bewertungsindikatoren für organisationalen Respekt ein.
Screening „Respekt in der Basisarbeit“
Auf Basis der Ergebnisse der Workshops entwickelte ORBiT ein praxisnahes, QR-codebasiertes Screeninginstrument mit 19 Items, mit dem Basisarbeitende die Arbeitsbedingungen und das soziale Miteinander bewerten können. Das Screening ist kurz, mehrsprachig und für unterschiedliche Branchen einsetzbar. Zusätzlich entwickelte das Projekt Kommunikationsmaterialien, die eine motivierende Kommunikation gewährleisten und somit das Erreichen der Mitarbeitenden und Führungskräfte sicherstellen.

Das Screening wurde in drei Pilotunternehmen aus Gebäudereinigung, Zeitarbeit und Logistik mit insgesamt 503 Basisarbeitenden und 165 Führungskräften erprobt. Die Abbildung zeigt die Ergebnisse der Erprobung in einem Pilotunternehmen. Deutlich werden die unterschiedlichen Perspektiven von Führungskräften und Basisarbeitenden und Entwicklungspfade.

Aufbauend auf das Screening führte ORBiT beteiligungsorientierte Konkretisierungsworkshops mit Basisarbeitenden sowie Planungsworkshops mit Führungskräften durch. Hierbei wurden Probleme präzisiert, Ursachen identifiziert und konkrete Lösungsvorschläge entwickelt, die anschließend in Maßnahmenpläne überführt wurden.
Das Vorgehen wurde in einen ganzheitlichen BGM-Prozess eingebettet. So konnte das Projekt über einen systematischen analyse- und beteiligungsorientierten Ansatz auf organisationaler Ebene Bedingungen gestalten, die auf strukturellen Respekt einzahlen.
Die Zusammenarbeit mit den Unternehmen, insbesondere mit den Basisarbeitenden und Führungskräften, zeigte, wie groß die strukturellen Hürden in der Zusammenarbeit mit dieser Zielgruppe sind. Insbesondere Sprachbarrieren, kulturelle Missverständnisse, zeitliche Hürden, Ängste und fehlendes Vertrauen sind hier prägend.
Wir sind nur kleine Leute und werden nicht gesehen. – Eine Basisarbeitende in den Workshops
Wissen über Versorgungsstrukturen, Zugangswege und Zuständigkeiten im deutschen Gesundheitswesen ist bei vielen Basisarbeitenden nicht selbstverständlich vorhanden. Dazu zählen etwa Kenntnisse über die Lotsenfunktion der Hausarztpraxis, die Einordnung unterschiedlicher Versorgungsangebote sowie Kenntnisse über präventive, kurative und rehabilitative Leistungen. Fehlendes oder eingeschränktes Wissen über diese Strukturen macht es deutlich schwerer, Gesundheitsleistungen selbstständig und bedarfsgerecht in Anspruch zu nehmen. Auch das deutsche System des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und die Sozialversicherungen sind im internationalen Vergleich relativ stark formalisiert und schwer verständlich.
Auch wurde deutlich, dass Führungskräfte mit Unterstützungsleistungen im Rahmen der akuten Gesundheitsversorgung und dem Zurechtfinden im deutschen Gesundheits- und Versorgungssystem eine wegweisende Funktion haben. Eine Betriebsärztin berichtete in einem Interview mit ORBiT, dass Mitarbeitende mit großen Ängsten vor ihr ständen und glaubten, „aussortiert“ zu werden. Dadurch wird deutlich: Ob Strukturen wie Arbeitsschutz oder betriebsärztliche Angebote für Basisarbeitende als Unterstützung oder als Kontrolle wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, ob sie verständlich erklärt und eingeordnet werden.
Tools für die Beratung und der Wegweiser Gesundheit
Mehr Anerkennung, mehr Zufriedenheit, bessere Arbeitsbedingungen und ein Erhalt der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit für Basisarbeitende – das war die klare Zielsetzung von ORBiT. Die Erkenntnisse aus dem Projekt machen deutlich: Es besteht erheblicher Handlungsbedarf für mehr Respekterleben im Miteinander, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und mehr Selbstwirksamkeit mit Blick auf die Gesundheits- und Versorgungskompetenz Basisarbeitender.
Unternehmen können mit den entwickelten Instrumenten auf organisationaler Ebene gestaltend wirksam werden. Ziel ist es, die Unternehmenskultur, Führungsverhalten, das Miteinander und Strukturen so auszurichten, dass sich die Arbeitswirklichkeit von Basisarbeitenden und deren selbstwirksame Gesundheitskompetenz spürbar verbessert.
Die beschriebenen Tools sind für Unternehmen und BGM-Beratende kostenfrei auf der Plattform Wegweiser Gesundheit verfügbar.
Wegweiser Gesundheit

Der KI-basierte Wegweiser Gesundheit macht wichtige Gesundheitsinformationen einfach und leicht verständlich zugänglich. In den Themenfeldern „Gesund bleiben“, „Akute Erkrankungen“, „Mit Erkrankung leben“, „Gesundheitssystem verstehen“ und „Arbeitsschutz verstehen“ bietet eine Chatfunktion sichere und qualitätsgeprüfte Antworten auf grundsätzliche Fragen von Basisarbeitenden.
Zudem werden weitere qualitätsgesicherte Informationen zu privaten und beruflichen Gesundheits- und Krankheitsthemen angeboten. Alle Antworten des KI-Chatbots basieren auf geprüften Inhalten. Die Informationen stehen in den Sprachen Deutsch, Englisch, Türkisch, Polnisch, Russisch und Rumänisch zur Verfügung.
Die frei verfügbaren Tools für Unternehmen und die BGM-Beratungspraxis sind auf der Expert*innen-Seite zusammengefasst und systematisch aufbereitet.
Unternehmen finden darüber hinaus konkrete Gestaltungsempfehlungen für mehr Respekt in der Basisarbeit.
Zu den Handlungsempfehlungen für Betriebe [PDF-Download]
Die Datei ist derzeit nicht barrierefrei. Ein barrierefreies Dokument wird nachgereicht.
Basisarbeitende sind „lost“ im Deutschen Gesundheits-, Versorgungs- und Arbeitsschutzsystem und brauchen hier dringend Unterstützung.
Für ORBiT ist klar: Die Relevanz, bessere Arbeitsbedingungen und einer guten Gesundheitsversorgung für möglichst viele Basisarbeitende zu erreichen, ist hoch. Vor dem Hintergrund eines längeren Erwerbslebens und eines in vielen Branchen und Regionen angespannten Arbeitsmarktes ist der Erhalt der Arbeitsfähigkeit ihrer Beschäftigten für eine zunehmende Zahl von Betrieben und Verwaltungen ein wichtiges Ziel. Die öffentliche Debatte wird allerdings unter der Überschrift „Fachkräftemangel“ geführt. Sie läuft damit Gefahr, den Mangel an Beschäftigten in Tätigkeitsfeldern der Basisarbeit zu übersehen. Auch viele betriebliche Maßnahmen wie Weiterbildung, Coaching, BGF und BGM konzentrieren sich auf Fach- und Führungskräfte.
Im engen Austausch mit dem breiten Netzwerk des BMAS fanden die Ergebnisse des Projekts ihren Weg in die Fläche und konnten ihre Wirkung für möglichst viele Menschen entfalten: In Fachdialogen wie der Fachkonferenz „Gesunde Arbeitsgestaltung in der Basisarbeit“, mit Handlungsempfehlungen für Betriebe, Verbände und Politik sowie mit bewusst niedrigschwelligen Kommunikationsmitteln für den Einsatz in Betrieben.
Mit den im Projekt ORBiT entwickelten Tools können Unternehmen für ihre Basisarbeitenden zukünftig gestaltend wirksam werden und damit großen Einfluss auf die Zufriedenheit, Motivation und Arbeitsfähigkeit nehmen. Diese Beschäftigtengruppe gezielt anzusprechen, zu fördern, zu motivieren und zu unterstützen, ist ein wichtiges Ziel im Programm ARBEIT: SICHER + GESUND.
Über das BGF-Institut: Expert*innen für gesundes Arbeiten

Das Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung BGF GmbH (BGF-Institut) ist eine hundertprozentige Tochter der AOK Rheinland/ Hamburg. Die Beratungsschwerpunkte liegen seit 30 Jahren in ganzheitlichen BGM-Prozessen, die die verhältnis- und verhaltenspräventive Ebene in den Blick nehmen.
Das wissenschaftliche Knowhow dazu ist direkt mit an Bord. 100 Mitarbeitende aus den Bereichen Ergonomie, Sportwissenschaft, Ökotrophologie, Arbeits- und Organisationspsychologie, Gesundheitspädagogik, Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaft bringen ihre Expertisen ein. Als An-Institut der Deutschen Sporthochschule Köln und über den wissenschaftlichen Beirat ist das BGF-Institut außerdem gut mit der Wissenschafts-Community vernetzt und setzt anwendungsorientierte Forschungsprojekte zu Themen des betrieblichen Gesundheitsmanagements um.
„Das Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung begleitet branchenübergreifend Unternehmen in der Umsetzung von BGM-Prozessen. Etwa 30 Prozent aller Beschäftigten in den von uns betreuten Unternehmen sind als Basisarbeitende tätig. Diese Zielgruppe müssen wir im betrieblichen Gesundheitsmanagement stärker in den Blick nehmen, da ihre Arbeitsbedingungen häufig körperlich und psychisch sehr belastend sind. Die Erkenntnisse aus dem Projekt werden über die BGM-Berater*innen der Gesetzlichen Krankenversicherungen und weiteren Sozialversicherungsträgern sowie Netzwerkpartnern bundesweit in die Unternehmen getragen. Es geht darum, faire und respektvolle Arbeitswelten für Basisarbeitende zu gestalten, die bisher nicht die Wertschätzung und Anerkennung erhalten, die ihnen gebührt“, sagt Dr. Birgit Schauerte, Leiterin des Projekts und Teamleiterin Forschung und Entwicklung beim BGF-Institut.
Auch die enge Verbindung zur AOK Rheinland/Hamburg macht das Institut zu einem unverzichtbaren Partner, wenn es um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und damit auch der Gesundheit von Beschäftigten in Basisarbeit geht. Denn ein großer Teil der Beschäftigten in der Basisarbeit ist bei der AOK krankenversichert. Das BGF-Institut hat über seine Muttergesellschaft deshalb einen guten Zugang zu der Beschäftigtengruppe und den Betrieben.
Für das Projekt ORBiT bildete das BGF-Institut ein Konsortium mit dem BIT e.V. (Berufsforschungs- und Beratungsinstitut für interdisziplinäre Technikgestaltung) und dem ddn (Das Demographie-Netzwerk e.V.), die zusätzliche Expertise im Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie in der Öffentlichkeits- und Transferarbeit beisteuerten. Auch weitere assoziierte Partner brachten ihre Expertisen in das Projekt ein, darunter der BIEK – Bundesverband Paket und Express Logistik, die Offensive Mittelstand, der VDSI Verband für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit, der AOK Bundesverband und die AOK Rheinland/Hamburg.
Mehr Informationen finden Sie auf der Webseite des BGF-Instituts.